Donnerstag, 20 Juni 2019

Das Ende des amerikanischen Traums

Russischer Experte gibt Emmanuel Todd recht und sieht die USA im Abstieg

von PROSPERIA-LAURINA-REDAKTEUR  Jens Hastreiter Politik Freitag, 06 Juni 2014 22:01
Amerikanische Flagge Amerikanische Flagge
Quelle: pixabay.com

Washington - Der Stern Amerikas ist im Sinken begriffen. Die Supermacht USA sind in der sich abzeichnenden „multipolaren“ Weltordnung auf dem besten Weg, zum Papiertiger zu werden.

Ein russischer Experte meint, die USA seien trotz ihres überwältigenden Militärpotentials dabei, allmählich ihre weltweite geopolitische Dominanz zu verlieren. In einem Gastbeitrag unter dem Titel „Der gescheiterte amerikanische Traum“ für die russische Wochenzeitung „WPK" beschäftigt sich der russische Militärexperte Konstantin Siwkow mit den USA und ihrer Rolle in der Welt. Nach dem Zerfall der Blockkonfrontation hätten US-Eliten das Ende der Sowjetunion als eigenen Erfolg verbucht. Man habe sich der Illusion hingegeben, die globale Konkurrenzsituation während des Kalten Krieges sei nun zu Ende und man brauche keine Rücksicht mehr auf die reale Situation in den verschiedenen Weltregionen zu nehmen.

 

Anfang der neunziger Jahre seien die USA davon ausgegangen, dass die Welt vor dem Hintergrund der beendeten Blockkonfrontation nunmehr ein gemeinsames und einheitliches Wirtschaftssystem brauche, mit internationaler Arbeitsteilung und einem weltweit ungehinderten Austausch von Waren und Dienstleistungen. Außerdem hätten die USA ihr liberales Gesellschaftsmodell als das einzig plausible für die ganze Welt erachtet, und zwar ohne Rücksicht auf nationale und kulturelle Eigenheiten in der übrigen Welt. Die USA wollten sich selbst die Rolle eines globalen intellektuellen Zentrums vorbehalten, wobei der Rest der Welt Rohstoffe gewinnen und Waren herzustellen habe.

 

Dieses Denkmodell habe zur Folge gehabt, dass Industriekapazitäten aus den westlichen Ländern zunehmend in Billiglohnländer ausgelagert wurden mit der Folge einer schleichenden Desindustrialisierung Nordamerikas und Europas. Dagegen konnten vormals rückständige Länder wie China und Indien zu neuen Großmächten aufsteigen. Inzwischen stellen sie wirtschaftlich und militärisch eine ernstzunehmende Konkurrenz zu den USA dar.

 

Mittlerweile bildete sich durch die virtuelle Wirtschaft in den USA eine Finanzblase, die größer ist als die Realwirtschaft. Das gefährde den US-Dollar, und in der Folge sind die US-Staatsschulden auf einen mit dem Bruttoinlandsprodukt vergleichbaren Wert gewachsen.

 

Die einstigen US-Verbündeten bräuchten heute keinen Schutz mehr vor der Sowjetunion. Daher sei ihnen auch die wirtschaftliche Obhut durch die USA lästig geworden, was den Zugriff auf billige Rohstoffe gefährdet und den Einfluss Washington auf die globale Situation geschwächt habe.

 

Siwkow stellt in seinem Beitrag fest: „Vor diesem Hintergrund blieb der US-Elite nichts anderes übrig, als dringende Maßnahmen zu treffen, um diese Vorgänge zu neutralisieren. Dabei wurde die aufwendigste und ineffizienteste Methode gewählt, und zwar militärisches Vorgehen. Das ging wahrscheinlich zum Teil darauf zurück, dass sich die USA bereits als Sieger und Herr der Welt fühlten. Auch die Konsequenzen aus dem Jugoslawien-Einsatz erwiesen den Vereinigten Staaten einen schlechten Dienst: Amerika fühlte sich nun in der Lage, politische Aufgaben durch kontaktlose Kriege zu lösen.“

 

Der französische Historiker und Demograph Emmanuel Todd sagte schon 1976 den Zusammenbruch des Sowjetsystems voraus. Im Jahr 2003 prophezeite er in seinem Buch „Weltmacht USA - Ein Nachruf" den Abstieg des US-amerikanischen Imperiums. Damals sagte Todd in einem Interview mit dem „Spiegel“: „Es ist absolut beängstigend, dieses Umkippen der USA vom Ordnungs- zum Unordnungsfaktor mitansehen zu müssen. Amerika war über ein halbes Jahrhundert die Lösung für die Welt, jetzt ist es zum Problem geworden. Das 21. Jahrhundert wird, anders als das 20., nicht amerikanisch sein.“

 

Auf die Regenerationsfähigkeit der USA, ihre Kraft, sich nach Rückschlägen wieder voller Optimismus aufzurichten, angesprochen, meinte Todd: „Der Glaube an Amerikas innere Kraft könnte sich als einer der gefährlichsten Irrtümer der Gegenwart herausstellen. In Wahrheit sind es die europäischen Länder, die sich immer wieder aufgerichtet haben. Frankreich, diese alte Nation, hüpft seit über tausend Jahren wie ein Tennisball durch die Geschichte. Deutschland hat sich mehrere Male erholt, nach dem Dreißigjährigen Krieg, nach den napoleonischen Feldzügen, nach 1945. Russland ist dabei, seinen Kurs wieder zu finden. Amerika dagegen hat in den über 200 Jahren seines Bestehens im Grunde nur eine Erfahrung gemacht: dass es immer nach oben geht.“

 

Mittlerweile hat auch Russland seinen Kurs wiedergefunden, und an „Amerikas innerer Kraft“ müssen nicht nur die US-Bürger zweifeln.

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