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Schädliches Zinsdumping

von PROSPERIA-LAURINA-REDAKTEUR  Prof. Dr. Bernd-Thomas Ramb Politik Donnerstag, 15 August 2013 00:00
Prof. Dr. Bernd-Thomas Ramb Prof. Dr. Bernd-Thomas Ramb
Alpe Nordsee Verlag GmbH

Seit Juli 2012 hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzinssatz für ihre Hauptfinanzierungsgeschäfte auf einen Wert unter einem Prozent festgelegt – so niedrig wie noch nie seit ihrem Bestehen. Die EZB begründet dies mit der schlechten wirtschaftlichen Lage in den Euroländern, vornehmlich in den Ländern mit überhöhten Staatsschulden und Refinanzierungsproblemen. Künstlich niedrige Zinsen verursachen jedoch mehr Schaden als Nutzen. Das gilt vor allem für die verbilligte Finanzierung der Staatsschulden. Den Schaden haben vor allem diejenigen, die für ihre zukünftigen Einkommen selbst vorsorgen wollten.

Um zunächst der generellen Kritik an jeglicher Zinsforderung, wie sie gerne aufgrund moralischer Bedenken vorgetragen wird, zu entkräften, ist auf deren ökonomischen Sinn zu verweisen. Der Kreditgeber verzichtet für einen bestimmten Zeitraum auf die eigene Verwendung seines Geldes und lässt sich für diesen Nachteil entschädigen. Der Kreditnehmer tritt mit der Zinszahlung einen Teil seines Vorteils, den er durch die vorgezogene Verwendung des Geldes erreicht, an den Gläubiger ab.

Die Höhe des Zinses legen bei unbehinderten Vereinbarungsmöglichkeiten Gläubiger und Schuldner frei fest. Bei einer Vielzahl dieser Vereinbarungen bildet sich ein freier Kreditmarkt, dessen Angebot und Nachfrage im Wesentlichen von der Neigung der Gläubiger auf Verzicht der sofortigen Geldverwendung und der Kalkulation der Schuldner auf die Vorteile einer vorgezogenen Verwendung beruhen. Daneben spielt die Größe des Marktes eine Rolle. Mehr Anbieter und weniger Nachfrager senken die Zinshöhe, und umgekehrt.

Der Marktzins wird zudem von der erwarteten Veränderung der realen Kaufkraft des Geldes beeinflusst. Rechnet der Gläubiger mit Preiserhöhungen der Güter und Dienstleistungen, sinkt der reale Wert des später verfügbaren Geldes; seine Neigung zum Ausleihen lässt nach. Für den Schuldner bieten inflationäre Entwicklungen dagegen einen zusätzlichen Anreiz zur Schuldenaufnahme – sofern er genauso ansteigendes Einkommen erwartet. Die Differenz zwischen dem Marktzins und der Inflationsrate, der Realzins, übt damit einen starken Einfluss auf den Kreditmarkt aus.

Ein weiterer Faktor der Zinshöhe ist das Risiko des Gläubigers, das entliehene Geld nicht zurückgezahlt zu bekommen. Die dann verlangten Risikoaufschläge haben gerade im Falle der Kredite an pleiteverdächtige Staaten dazu geführt, die Zinsen für Staatsanleihen in extreme Höhen schnellen zu lassen. Wird am Ende der Laufzeit des Kredits ein Schuldenschnitt befürchtet, rechnet der Gläubiger die mögliche Verlusthöhe in den geforderten Zinssatz ein. Der Marktzins enthält damit nicht nur den Zuschlag für die erwartete Inflation, sondern auch die Risikoprämie des Kreditverlusts.

Solange der Kreditmarkt allein auf der Geldmenge beruht, die den privaten Akteuren zur Verfügung steht, kann sich ein für sie optimaler Marktzinssatz einstellen. Greift jedoch die Zentralbank in das Marktgeschehen ein, indem sie die vorhandene Geldmenge und das potentielle Kreditangebot willkürlich ausweitet, wird die Zinshöhe jenseits der ursprünglichen Wünsche der Gläubiger und Schuldner verschoben. Abgesehen von einer kurzen Zwischenperiode setzt die EZB seit Mitte 2008 auf eine permanente Zinssenkung, vornehmlich um durch verbilligte Kredite die wirtschaftlichen Aktivitäten zu verbessern, tatsächlich aber um den finanzschwachen Euroländern die Refinanzierung ihrer Staatsschulden zu erleichtern.

Die EZB benutzt dabei zwei Instrumente. Zum einen wird mit einer direkten Geldmengenausweitung durch den Ankauf von Staatspapieren der notleidenden Euro-Länder der Nachfragedruck aus dem freien Markt genommen. Zum anderen beeinflusst die EZB die Marktzinshöhe durch eine Senkung ihres Leitzinses (Hauptrefinanzierungszinssatz), zu dem sich die Geschäftsbanken neues Geld bei der Zentralbank ausleihen können. Dieser Zinssatz steht in direkter Konkurrenz zu dem Zinssatz, den die Geschäftsbanken ihren Kunden einräumen, die bei ihnen Geld anlegen wollen. Den Leitzins hat die EZB zurzeit auf 0,5 Prozent festgelegt. Private Anleger, die den Geschäftsbanken in Konkurrenz zur EZB ihr Geld anbieten, können dann auch keine höheren Habenzinsen erwarten.

Da die Geschäftsbanken das ihnen zur Verfügung stehende Geld vornehmlich in vermeintlich sichere Staatsanleihen anlegen, senkt die günstige Refinanzierung den Zinssatz, den der Staat für seine Anleihen fordern muss. Neben der direkten Finanzierung durch den Anleihenankauf durch die EZB erhält die Staatsverschuldung dadurch einen zusätzlichen Impuls zur Ausweitung. Im privaten Bereich verleitet die durch die EZB verbilligte Finanzierung der Schuldenaufnahme zur Ausweitung von Investitionen, vornehmlich im Immobilienbereich, die sonst nicht oder zumindest nicht zu den nun erhöhten Preisen getätigt würden. Die Zinssenkung der EZB führt damit zu einer ökonomisch suboptimalen Verwendung der Kredite.

Die Ausweitung der Geldmenge durch die Zentralbank erhöht zwangsläufig das Inflationspotential. In Verbindung mit der künstlichen Absenkung des Marktzinses entsteht schnell die Sachlage eines negativen Realzinses – der Marktzins liegt unterhalb der Inflationsrate. So zurzeit: Die Inflationsrate liegt bei zirka 2 Prozent, die Rendite deutscher Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit bei zirka 1,5 Prozent. Das angelegte Geld verliert damit an Wert. Wer jedoch auf zukünftige Einkünfte aus erspartem Geld angewiesen ist, etwa weil er damit sein Alter finanzieren will, muss nun neu kalkulieren und die für später anvisierten Beträge durch verstärktes Sparen absichern. Sofern ihm dies möglich ist; die Alternative ist ein Einkommensverlust im Alter.

Das Zinsdumping der EZB hat damit eindeutige Gewinner und Verlierer. Gewinner sind die Staaten, die Schuldenprobleme haben und nun Erleichterungen erfahren, die sie zu noch mehr Schulden und nachlassener Reformbereitschaft ermuntern. Verlierer sind die Menschen, die aus eigener Anstrengung ihr zukünftiges Einkommen ansparen wollen. Sie fallen vermehrt der staatlichen Altersversorgung anheim und damit der künftigen Willkür der Staatsbürokratie.

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